Test: Art Academy: Atelier

Von Nico Zurheide am 02. Januar 2017

"Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben." - Pablo Picasso

Ob sich Nintendo vor der Entwicklung von Art Academy dieses Zitat Picassos zu Herzen nahm? Wir werden es wohl nie erfahren. Sicher ist jedoch: Mit der Lernsoftware, die ihr Debut 2009 auf dem Nintendo DSi feierte, konnte die breite Spielerschaft des erfolgreichen Handhelds in den Genuss eines durchdachten Zeichnen-Tutorials kommen. Art Academy ist eine Hilfsanwendung, die jedem Nutzer dabei helfen kann, seine künstlerischen Fähigkeiten zu verbessern. Dabei werden gängige Materialen wie Buntstifte, Kohle, Bleistifte, Ölfarbe und Pastellkreide verwendet. Angehende Künstler können sich mit diesen Werkzeugen entweder direkt auf die Leinwand stürzen und im "Freies Zeichnen"-Modus ihrer Kreativität freien Lauf lassen oder ihr Können durch vorgegebene Lektionen verbessern.

Tutorial der nächsten Generation

Dieses Spielprinzip zieht sich durch die gesamte Spielereihe, die es mittlerweile inklusive des Neuzugangs auf vier Ableger bringt. Das im Fachjargon sogenannte "Drumherum" erweiterte sich dabei von Ableger zu Ableger ständig. Bereits im 3DS-Teil New Art Academy konnten die erstellten Kunstwerke in einer Galerie ausgestellt oder über SpotPass an Freunde weitergegeben werden. Natürlich bietet der erste Heimkonsolen-Ableger der Reihe auch einige neue Features. Äquivalent zu SpotPass auf dem 3DS wird nun das Miiverse zum Teilen der Werke genutzt, wie es auch schon bei der Sketchpad-Anwendung der Fall ist. Außerdem können Spieler nun die Entstehung ihrer Zeichnungen von Beginn an aufzeichnen und das Video in Zeitraffer auf YouTube hochladen, einen Account auf der Videoplattform vorausgesetzt. Die fertigen Videos mit einer, zwei oder vier Minuten Länge, zeigen die Entstehung eines Werkes vom blanken Untergrund bis zum letzten Pinselstrich und lassen sich angenehm anschauen.

Lektion 1: Erste Striche

Ich freue mich schon seit Tagen auf meine allererste Lektion im Zeichnen. Mein Tutor Vince ist bekannt für seine erfolgreiche Akademie, also wird er wohl selbst einem absoluten Anfänger wie mir etwas beibringen können. Ein Künstler soll ja bekanntlich in jedem von uns stecken. Für die ersten Gehversuche beschränken wir uns auf verschiedene Pastellkreiden, damit ich das reine Zeichnen frei von anderen Einflüssen proben kann. Die Umrisse einer Tomate sind schnell zu Papier gebracht, Vince ist jedoch noch nicht mit dem Ergebnis zufrieden; er meinte nur, meine Tomate sähe aus wie ein Strichmännchen. Also wird der Radierer geschwungen, um das dann blanke Blatt von Neuem zu bekritzeln. Dieses Mal scheint Vince zufrieden mit meiner Arbeit und erlaubt mir schließlich den Einsatz von Farben. Ich bin schon gespannt wie es weitergeht!

Die Galerie erfuhr im Vergleich zum Vorgänger einige sinnvolle Erweiterungen. So gibt es nun neben den vielen Wänden zum Aufhängen der eigenen Werke auch ein großes Familiengemälde. An diesem können alle Benutzer der Konsole arbeiten und so ein gemeinschaftliches Kunstwerk erschaffen. In seinem Atelier kann sich der Spieler frei bewegen und umsehen und dabei etwa 20 seiner Bilder an die Wände hängen und bestaunen. Eine kleinere Galerie gibt es zusätzlich unter dem Menüpunkt Miiverse. Dort werden, falls diese Option in den Einstellungen aktiviert wurde, automatisch einige Werke anderer Art Academy-Besitzer angezeigt. Wer sich nicht umständlich durch die Galerien wühlen möchte, findet alle seine Arbeiten auch übersichtlich in einer Mappe zusammengefasst.

Mindestens ebenso wichtig wie die zahlreichen zusätzlichen Features ist natürlich der Hauptmodus der Software. Dieser wird in zwei Bereiche aufgeteilt: In den dreißig "Lektionen", bei denen Vince wissbegierigen Künstlern neue Techniken beibringt, lernt man neben diesen noch einiges an Hintergründen zur Geschichte der Malerei kennen. Der Vollblutmaler Vince weiß sein Wissen während der etwa einstündigen Lehrstunden charmant zu vermitteln und bringt dabei mehr Informationen über berühmte Maler, verschiedene Stile und die Beweggründe hinter der derzeitigen Lektion an, als es so eine Lernsoftware auf den ersten Blick vermuten lassen würde. Wer dagegen schon geübt ist oder sich einfach nur ausprobieren möchte, kann sich auch im "Freies Zeichnen"-Modus direkt auf die Leinwand stürzen. Hier wird eine große Anzahl an Vorlagen geboten, seien es Gegenstände, Personen oder Landschaften - sogar Bilder direkt von einer SD-Karte in der Konsole lassen sich wählen - natürlich kann der Pinsel auch gänzlich ohne Vorlage geschwungen werden. Eine Besonderheit bei den Landschaften: In den vorgegebenen 360-Grad-Panorama-Fotos muss vor dem Zeichnen ein Bildausschnitt gewählt werden - mittels Bewegungen des GamePads, ähnlich wie bei der Panorama View-App für Wii U.

Lektion 2: Bring Farbe ins Spiel

Wir bleiben zunächst bei Pastellkreide - das ist mir aber auch ganz recht. Durch die erste Lektion konnte ich mich an das Verhalten der Kreide beim Auftragen auf das Papier gewöhnen und hoffe jetzt beim Färben auf entsprechend bessere Ergebnisse. Vince zeigt mit vorerst wieder, wie es aussieht, wenn ein Profi am Werk ist. Die Einfärbung des Grundrisses geht mir daraufhin erstaunlich gut von der Hand und kurz nachdem die Grundierung abgeschlossen wurde, mache ich mich daran, durch hellere und dunklere Rottöne etwas Leben in die bisher flache Frucht zu bekommen. Auch Schatten und Strunk bekommen erste Farben aufgetragen, bevor es für mein erstes Werk an das Feintuning geht.

Viele Optionen für freie Geister

Aber wie geht das eigentliche Zeichnen überhaupt vonstatten? Wird erst einmal der unberührte Hintergrund auf dem GamePad angezeigt (dort findet verständlicherweise das Spiel statt), bieten sich eine Reihe von Optionen an. Ein Gitternetz und die Zoomfunktion sind nützliche Hilfsmittel. Mit dem Button "TV-Bild" lässt sich das auf dem Fernseher angezeigte Bild zwischen der Vorlage und der eigenen aktuellen Arbeit wechseln. Im umfangreichen spielinternen Glossar gibt es in etwa 180 Kurzartikeln weitere Informationen zu Techniken, Künstlern, Werkzeugen und Kunsttheorie. In den Optionen lässt sich jederzeit zwischen Rechtshänder und Linkshänder wechseln, der Sound regeln, die Anzeige kalibrieren sowie das Bild trocknen und speichern. Durch die Speicherfunktionen lassen sich auch größere und zeitaufwändigere Gemälde bequem zeichnen. Etwas schade ist es da schon, dass sich immer nur eine einzige Aktion rückgängig machen lässt. Auch der Wechsel von einem Werkzeug zum anderen ist unvorteilhaft gestaltet, da sich bei jedem Vorgang das bereits Gezeichnete fest auf dem Hintergrund verankert und sich anschließend nicht mehr entfernen lässt.

Die verschiedenene Werkzeuge an sich lassen dagegen keine Wünsche offen. Jeweils vier Paletten Buntstifte und Pastellkreide, ebenso viele Plätze um Farben zu mischen, sowie eine Auswahl an Bleistiften und Kohlestiften stellen zusammen mit diversen Tüchern und Verwischstiften ein reichhaltiges Angebot für Maler dar. Natürlich lässt sich die Realität mit fünf verschiedenen Materialien kaum nachstellen, doch besser hat es bisher kein anderer Simulator gemacht. Auch die Soundeffekte der verschiedenene Materialen sind stimmig und können dadurch sogar direktes Feedback geben. Musikalisch gibt sich die Akademie unaufgeregt, wie man es von einer Kunstschule wohl auch erwarten darf.

Lektion 3: Der Teufel steckt im Detail

Ich hatte vor dem Beginn dieser Lektion erst noch angenommen, den größten Teil meines Bildes bereits fertiggestellt zu haben - Vince belehrte mich eines Besseren. Mindestens genauso viel Zeit wie die erste Skizze und deren grobe Farbgestaltung nimmt die wichtige Feinarbeit in Anspruch. Also wird hier noch eine neue Farbe leicht aufgetragen, dort noch ein Spiegelungseffekt aufgemalt, da der Verwischstift angesetzt und zu guter Letzt ein knalliger Akzent gesetzt. Dank meines geduldigen Lehrers und des offensichtlich in mir schlummernden Talentes gelange ich letztlich doch zu Fertigstellung meines ersten Stilllebens. Eine Tomate, so wunderschön, ich könnte glatt hineinbeißen. Nun, beinahe jedenfalls.

Fazit:

Art Academy: Atelier ist nicht nur eine simple Portierung des erfolgreichen Handheldspiels auf eine Heimkonsole. Nintendos Wii U mit dem GamePad stellt sich als die perfekte Konsole für derlei Simulationen heraus. Doch nicht nur die Verpackung, auch der Inhalt stimmt hier. Vom charmanten und kompetenten Kunstlehrer Vince über das große Angebot an Werkzeugen bis zu den neuen, ausgebauten Online-Features macht Atelier so gut wie alles richtig. Kritikwürdig und nicht zu vernachlässigen sind aber ungewöhnlich lange Ladezeiten in allen Situationen des Spiels sowie die Dateigrößen der Bilder, die schnell den limitierten Speicher der Konsole füllen; externe Speichermedien sind aufgrund dessen zu empfehlen. Auch weitere Werkzeuge und Aktionen hätten dem Gesamtbild gut zu Gesicht gestanden. Abgesehen davon ist das neue Art Academy die beste Malsimulation auf dem Markt und dazu für die Besitzer des 2013 veröffentlichten Sketchpads noch leicht vergünstigt zu bekommen.

Wertung:

9.0

Nico Zurheide meint:

"Besser geht es immer! Hier geht aber nicht mehr viel."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut
Hinweis: die Kommentarsektion ist aktuell geschlossen.

7 Kommentare:


StMaster3000
vor 2 Jahren | 0
Interessante Wertung, hab es nicht so gut erwartet ^^

Gubbl
vor 2 Jahren | 0
Schöner test und die Wertung freut mich. Meins ist leider noch nicht da, aber jetzt freu im mich noch viel mehr drauf!

Belphegor
vor 2 Jahren | 0
JETZT ärgere ich mich das ich es nicht doch vorhin aus der Stadt mitgenommen habe. Damn.

JoWe
vor 2 Jahren | 0
Einer meiner wenigen Only-Downloadtitel. Mit dem Rabatt durch sketchpad zu verlockend und für ein bissl Malen zwischendurch habe ich keine Lust, immer die Disc reinzuwerfen.

Schöner Test, thx!

Rick Grimes
vor 2 Jahren | 0
Werds mir wohl auch Downloaden. Wozu hat man schon den Rabatt?

BeIphegor
vor 2 Jahren | 0
@JoWe am besten kauft man sich sowieso beide Versionen ;-) Eine fürs Regal und eine zum komfortabel aus dem Konsolenspeicher zocken.

JoWe
vor 2 Jahren | 0
@Belphe: ArtAcademy nicht. Mache das höchstens bei LEs, z. B. wie bei Splatoon ...